Gabriele Baumgartner

Mag. G. Baumgartner ad Serie „SONNENFLUG“- ML 2014

Mag. Gabriele Baumgartner, Kunsthistorikerin und Kuratorin –  Februar 2014 – Rearte Gallery
Die Serie SONNENFLUG von monika lederbauer  ML

Das Portrait Marie Curies, vergiftete Tauben und Bilder aus einer Werbung für Tirol sind nur einige der Motive, die Monika Lederbauer in ihrer seit 2011 entstehenden Werkserie Sonnenflug künstlerisch umsetzt. Wie in allen ihren seriellen Arbeiten subsumiert das gleiche Format und die selbe Vorgehensweise die Zugehörigkeit zu einer Werkgruppe. In diesem Fall bilden Gegenstände, Fotos oder Bilder ihr berührender Themen den Ausgangspunkt. Mit Fotos, Grafiken, Zeichnungen oder Wortfragmenten, die über- oder nebeneinander geklebt und gesetzt werden, bildet sich ein neues Ganzes, das als ein spontaner Ausdruck ihrer eigenen Person zu diesen Motiven angesehen werden kann. Die Künstlerin glaubt nicht an Zufälle, sondern will vielmehr in ihrem Vorgehen neue Blickpunkte und Kontexte herstellen. Zwei Zitate werden dabei zum Schlüssel ihres Handelns. Zum einen ein gekürzter Ausspruch von Novalis: ?Kommen die fremdesten Dinge durch einen Ort, eine Zeit, eine seltsame Ähnlichkeit zusammen, so entstehen wunderliche Einheiten und eigentümliche Verknüpfungen ?? und zum anderen eine Fragestellung von Elias Canetti: ?Man weiß nie, was daraus wird, wenn die Dinge verändert werden. Aber weiß man denn, was daraus wird, wenn sie nicht verändert werden??

In ihrem Oeuvre finden sich immer wieder Hommagen an Frauen, deren Leistungen oft erst von der Nachwelt die gebührende Würdigung erfahren. Das Blatt Sonnenflug 11 setzt sich mit Marie Curie auseinander, die als einzige Frau unter vier Wissenschaftlern die Ehre zu Teil wurde, für zwei verschiedene Kategorien den Nobelpreis erhalten zu haben. Damit erhielt Curie zwar bereits zu Lebzeiten Anerkennung, doch über ihre immense Leistung in der Forschung und deren Tragweite wurde man sich erst später wirklich bewusst. Neben dem aufgeklebten Foto der Wissenschaftlerin findet sich auch die Abbildung der ihr 1911 verliehenen Nobelpreisurkunde für Chemie. Das Symbol für Radioaktivität am linken unteren Blattrand bildet ein für den Betrachter ergänzendes, klärendes Zeichen.

Tagelang recherchierte die Künstlerin über das Leben Marie Curies und in dieser Zeit fegte ein Zyklon über China, wo ihre Tochter gerade auf Reisen war. Die Abbildung des Wirbelsturmes vom Himmel aus faszinierte die Künstlerin und sie fühlte sich an Marie Curies Leben, die gleich einem Zyklon durch die Gesellschaft fegte, erinnert. Neben der immer stärker werdenden Zeichnung durch die Strahlenkrankheit war Curie aufgrund ihrer Weiblichkeit in der Ausübung des Studiums und Berufs behindert und musste lange Zeit die Anfeindungen der Presse erdulden. Trotzdem erreichte sie bemerkenswerte Ergebnisse in der Forschung. Eine Verbindung zwischen der Darstellung des Zyklons und der Wissenschaftlerin bildet das in chinesischen Schriftzeichen eingefügte Wort Radioaktivität.
Als Anerkennung für eine große Frau klebte Lederbauer ein getrocknetes Veilchen auf das Blatt, denn es steht als liebevolles Synonym für feine Damen.

Ihren Sinn für Humor und das Aufzeigen verschiedener Blickwinkel spürt man in dem Blatt Sonnenflug 9. Neben gehäkelten und gezeichneten Tauben zeigen die beigefügten Worte, dass es sich hier um eine Anspielung an Picassos 1949 für den Weltfriedenskongress entworfenes Symbol handelt. Die rote Umrandung einer Taube und die Worte Tabu sowie die Abkürzungen GK und VERG verweisen auf das satirische und schwarzhumorige Lied Georg Kreislers: Tauben vergiften. Damit ruft Lederbauer nicht nur die Erinnerung an dieses Musikstück hervor, sondern stellt auch die Ambivalenz der Gesellschaft mit dem Thema Tauben her.

Die Werkserie Sonnenflug ist noch nicht abgeschlossen und wird sicherlich noch um das eine oder andere Blatt erweitert.

Wirkl.ICH.keiten – Mein Blick? Dein Blick

G. Baumgartner, Kunsthistorikerin, Kuratorin zur Ausstellung „Wirkl.ICH.keiten – Mein Blick? Dein Blick“ ML im POOL7 (20.6.2013)

Gewaltige kalbende Gletscher, zart skizzierte Bergspitzen, abstrakte Kompositionen über Gedankensplittern und Rauminstallationen: Monika Lederbauers thematische Bandbreite beeindruckt ebenso wie ihre vielfältigen Ausdrucksformen.
Nach einem Unfall 1997 wandte sich die Medizinerin ausschließlich der Kunst zu und bildete sich bei Kursen an der Internationalen Sommerakademie in Salzburg, Workshops und beim Abendakt an der Universität für Angewandte Kunst technisch weiter. Besonders wichtig für ihr ästhetisches Empfinden waren sicherlich auch die beiden Studienreisen nach China in den Jahren 2006 und 2007. Immer wieder zeugen der Einsatz von Kalligrafien mit chinesischer Tusche, chinesischem Reispapier oder des eher selten gebräuchlichen Maulbeerbaumrindenpapiers von diesen Erfahrungen. Generell setzt sich die Künstlerin intensiv mit den Materialien und ihre Wirkung auseinander und wählt sie für ihre Arbeiten bewußt aus.
Ein Charakteristikum in Monika Lederbauers Oeuvre ist ein Arbeiten an mehreren gleichzeitig oder zeitversetzt entstehenden Serien. Innerhalb dieser Werkgruppen werden dann die stilistischen Möglichkeiten ausgereizt, sodass sich die Künstlerin fast immer zwischen Abstraktion und Gegenständlichem bewegt.
Breiten Raum nimmt die Sprache in Monika Lederbauers Arbeiten ein. Nicht nur Worte finden sich mancherorts in die Malerei eingeflochten, sondern auch durch Wechsel in der Groß- und Kleinschreibung innerhalb der einzelnen Begriffe schafft sie eine weitere gedankliche Ebene. Der Betrachter wird direkt angesprochen damit mehrere Positionen einzunehmen und zu überdenken.

MEE/hR und BLUE – BERGE
Eine dieser Serien, wo der namensgebende Titel vielfach interpretiert werden kann aufgrund des beigefügten Hs, ist die Werkgruppe MEE/hR. Hierbei handelt es sich nicht nur um Darstellungen des Meeres, sondern alle Facetten des Elementes Wasser sollen inkludiert sein, sei es im geforenen Zustand als Gletscher oder Spiegelung, die alle Farben beinhaltet.
Ein wesentlicher Punkt bei Monika Lederbauer ist die Faszination der Natur, die sie gerne beobachtet und hinterfragt. Gerade dieser Punkt trifft auch in ihrer weiteren Serie: BLUE – Berge zu, wo man die Gipfel und Bergkuppen, oft auch jene ihres Salzburger Hausberges, in den verschiedensten Ausformungen auf Leinwand oder Papier gebahnt, wiederfindet. Das Meer und auch die Berge sind wie zwei Gegenpole auf der Erdoberfläche: Die einen ragen weit in den Himmel und das Wasser bis tief in das Erdinnere.
Beiden Serien gemeinsam ist der farbliche dominierende Kontrast zwischen Blau und Weiß, wobei die Farbensymbolik eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Generell wird Blau zwar als kalte Farbe erachtet, jedoch hat sie erwiesenermassen eine beruhigende und entspannende Wirkung. Sie ist auch ein Synonym für Weite, Klarheit und Sehnsucht. Weiß dagegen ist die Summe aller bunten Farben und wird mit Licht, aber auch mit Stille und Leere gleichgesetzt.
Monika Lederbauer malt aus der Emotion heraus ihre Wahrnehmungen und lässt dem Betrachter Raum für seine eigenen Empfindungen wenn sie in den Titeln hinweist: Stürmische Nacht, Geister, aber auch Roter Mond – Liebe .

Neumondarbeiten:
Der Mond spielt in Monika Lederbauers immer wieder eine wichtige Rolle. Sie widmet eine seit 2006 existierende Werkgruppe seinem Einfluss, die meist bei Kerzenschein in einer Neumondnacht entstehen. Zu Beginn der Serie waren es nicht immer nur diese besonderen Nächte, sowie auch das Format noch nicht homogen war. Nun aber hat sie ihren Kanon gefunden und fertigt sie annähernd auf dem Ausmass 31 x 35 cm auf chinesischem Reispapier in Aquarell und Gelstift, ausschließlich bei Neumond an.
Zunächst einsteht ein spontaner Text aus Gedankensplittern, der manchmal inspiriert von einer Gedichtzeile oder des Tagesgeschehens seinen Ausgang nimmt. Anschließend widmet sie sich dem Überarbeiten mit Farben und Stift, wobei von den Worten oft nur mehr einzelne Fetzen lesbar bleiben. Erst in jüngster Zeit findet sich in der Rahmung neben dem Bild auch noch eine lesbarere Version wieder.
Monika Lederbauers Themenwahl ist dabei sehr vielfältig. Waren es zu Beginn der Serie noch häufig Gedanken über den Weltfrieden, so finden sich nun auch sehr Zeitkritisches wie: Wegwerfgesellschaft oder Was macht den Unterschied?

„VEZA + SCHATTEN:frau/en“-Mein Blick? Dein Blick.. lüftet den Schleier!
Die Rolle der Frau in der Gesellschaft thematisiert Monika Lederbauer in ihrer raumgreifenden Installation: VEZA + SCHATTEN:frau/en, die anlässlich des 50. Todestages der 1897 in Wien geborenen und 1963 in London verstorbenen Veza Canetti entstanden ist. Vor ihrer Emigration aufgrund ihres jüdischen Glaubens war Veza Canetti in Wien bereits literarisch tätig, musste jedoch – wahrscheinlich aufgrund der unsicheren Zeiten – unter vier verschiedenen Pseudonymen publizieren. Im Exil konnte sie jedoch nicht mehr an ihre Erfolge anschließen, arbeitete schließlich als Übersetzerin und war für ihren Ehemann Elias Canetti lektorisch tätig.
Die 190cm hohe und 90cm breite Installation weist auf ihrer textilen Verkleidung an vorderster Front die mannshohe Silhouette Elias Canettis, mit geschriebenen Abwandlungen des Titels seines Romanzyklus Die Blendung, auf. Auf der linken Seite der Installation ist zu lesen: Vezas unter uns gestern heute morgen. Durch ausgeschnittene Löcher im Textil blickt man im Inneren auf Frauenportraits vergangener und gegenwärtiger Tage, die als experimentelle Druckgraphiken auf Papier die Rückwand bestücken. Es handelt sich dabei um sogenannte Schattenfrauen, die oft trotz eigener beachtlicher Leistung, von der Gesellschaft meist nur als Ehefrau des noch bekannteren Mannes wahrgenommen werden. Neben Portraits Veza Canettis finden sich auch welche von Marie Curie, Michelle Obama oder Hillary Clinton.
Mit ihren direkt den Betrachter ansprechenden und auffordernden Aufruf ? lüftet den Schleier soll diesen Frauen nicht nur ein Denkmal gesetzt werden, sondern vielmehr anregen, die Stellung innerhalb der Gesellschaft zu hinterfragen und womöglich auch Änderungen zu bewirken.
Die Rolle des Betrachters ist ein wesentlicher Aspekt in Monika Lederbauers Arbeiten. Nicht blosses Abbilden oder die Wiedergabe einer Empfindung sollen rühren, sondern mit dem Einsatz der Schrift in ihrem Werk, sei es als Bildtitel oder Bildelement, soll der Betrachter zum Standpunktwechsel animiert werden oder bei ihm sogar zu einem Umdenkprozess führen.

Gabriele Baumgartner, Juni 2013